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Tag 5

Gestern Abend habe ich dann gar nicht mehr geschrieben. Zu Mittag dachte ich schon, es wäre schlimm, aber da ging es eigentlich erst so richtig los.

Ich bin dann ins Zimmer gegangen, wollte mich ausruhen, aber habe irgendwie keine Ruhe gefunden. Also habe ich die Fragebögen hergenommen, die wir in der Früh bekommen haben, die wir ausfüllen sollten. Von der Sozialversicherung, für Statistik und so ... beim Ausfüllen war ich dann erst so richtig verzweifelt, denn da wurde mir dann auch noch schriftlich vor Augen geführt, was ich eigentlich alles nicht kann und wie "behindert" ich bin. Ich habe geweint und geweint und geweint. 

Beim Mittagessen hat eine Mit-Klientin mich angeschaut und gleich gefragt "was ist los?" und da wars dann ganz vorbei. Ganze Tränen-Flüsse sind aus mir heraus geschossen, ich habe mich in dem Moment so sehr selbst gehasst. Ich will und wollte nie so sein. Schwach sein? Ich doch nicht. Ich, die immer gekämpft hat, immer besser war als alle anderen, immer 200% gebracht hat und nur ein mitleidiges Lächeln für die 100%ler gehabt hat. Ich habe mich so unendlich verloren gefühlt. Jahrelang, Jahrzehnte habe ich mich über meine Leistungen definiert. Aber wenn jetzt keiner Leistung verlangt. Wer bin ich dann noch? Was bin ich dann überhaupt noch wert? Es ist dann so schlimm geworden, dass gleich eine Panikattacke im Anmarsch war. Herzrasen, Beklemmungen, Atemnot ... meine Mitstreiterin hat mich gleich zur Schwester gebracht, die zunächst auf mich eingeredet hat. Sie war wirklich lieb, aber sie sagte so Dinge wie "Sie können hier zur Ruhe kommen, Sie müssen hier nichts leisten ..." Aaaaaaaargl ... genau darum hat sich aber doch meine Krise gedreht ... Sie hat mir dann empfohlen, ein halbes meines Notfallmedikaments zu nehmen, was ich dann auch getan habe.

Müde und benommen habe ich mich nachmittags zur Visite geschleppt, in der Hoffnung, dass mir der Arzt etwas Wirksames gegen meine hartnäckige Verkühlung gibt. Wisst ihr, was der gesagt hat??

"ERLAUBEN Sie einmal Ihrem Körper krank zu werden. Das durfte der sicherlich nie in den letzten 15 Jahren. Er hat ein Recht darauf. Dann liegen sie halt mal drei Tage im Bett, na und?" 

Ich war sprachlos ... aber es kam dicker. Sagt er doch glatt zu mir

"Sie bekommen jetzt von mir eine Aufgabe: TUN SIE SICH MAL SELBST LEID. Wahrscheinlich hatten Sie immer Verständnis für und Mitleid mit allen anderen, aber was ist mit Ihnen?"

Habt ihr eine Ahnung, wie schwer das ist, sich selbst Leid zu tun? Wenn man immer nur gehört hat "Tu dir nicht selber Leid, reiß dich bissl zusammen, nimm dich selber nicht so wichtig, was können die anderen dafür, dass du so drauf bist ..."

Ich bin ehrlich, bisher habe ich noch kein Mitleid für mich aufgebracht. Außer vielleicht deshalb, weil ich heute schon eineinhalb Stunden lang spazieren gehen musste

Anschließend gabs ZEN-Meditation. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich meine Gedanken so wegschieben kann und mich sogar halbwegs entspannen kann. Allerdings darf ich natürlich auch nicht vergessen, dass ich ja mein Medikament genommen hatte, also schreibe ich einen Teil dieses Erfolgs jedenfalls dem zu

Vor dem Abendessen hat es mir dann gleich nochmal fest den Kreislauf zusammen geworfen, das war aber relativ schnell mit Noisette-Schokolade gerettet Und dann kams wieder mal anders als gedacht ... eigentlich hatte ich mich schon auf mein Bett und ein TV-Programm gefreut, als mich Linda (Namen geändert) gefragt hat, ob ich mit ihr runter in den Ort gehe, etwas trinken, ein bisschen quatschen. Meine erste innere Reaktion war "neiiiiiiiiiiin", aber dann dachte ich, wieso nicht? Ich bin hier um was zu verändern ... und es war ein wirklich wirklich wirklich netter Abend.

Und heute war ich einfach nur müüüüüüüüüüüde. Die erste Therapie-Woche ist quasi zu Ende und es war, vor allem psychisch ECHT anstrengend. Aber gut, dass ich hier nicht auf Urlaub bin, wusste ich ja. Und hier sei auch nochmal gesagt, die wissen hier, was sie tun.

Jetzt am Nachmittag bin ich nochmal so ein bisschen wieder aus dem Gleichgewicht gekommen. Ich war hier im Reha-Zentrum bei einem Vortrag über Burn Out. Der Typ hat das selbst durch und hat mittlerweile sein Leben geändert und zwei Bücher geschrieben. Es war wirklich interessant, und teilweise echt unheimlich, weil ich so viele Parallelen zu meinem Leben entdeckt habe. Das macht zwar Mut, aber gleichzeitig auch Angst. Bin dann raus und musste duschen gehen.

Tja und nach dieser Woche, wo ich mir ein bisschen Ruhe, Langsamkeit und Achtsamkeit erarbeitet habe, wo ich viel Berg und Tal gefahren bin, hab ich dann - pflichtbewusst - meine Eltern angerufen. Ich liebe meine Eltern, wirklich. Und sie wollen immer nur mein Bestes, das weiß ich. Aber - und jetzt bin ich ja achtsam darauf - in jedem Satz und in jeder Frage sind Erwartungen enthalten.

"Und, ist es gut, dass du jetzt dort bist? Oder wäre früher oder später besser gewesen?"

"Naja, die werden dich ja hier darauf vorbereiten, dass es dir wieder gut geht, wenn du dann wieder nach Hause kommst."

Davor habe ICH Angst. Dass von mir erwartet wird, dass ich nach 6 Wochen nach Hause komme, und "repariert" bin, wieder funktioniere. Ich habe keine Angst davor, dem nicht entsprechen zu können, weil ich das auch gar nicht vor habe. Aber um meine Veränderungen, die ich will, und auf die ich stolz sein kann, durchsetzen und umsetzen zu können, brauche ich glaube ich viel Kraft und Mut (oder eine Fahrkarte zum anderen Ende der Welt).

Ich fühle mich hier gut aufgehoben und wenn ich ehrlich bin, das was mir am meisten hilft, sind die anderen Patienten hier. Wie man hier füreinander da ist, den anderen versteht, aber auch auf sich selbst achtet und für jeden Raum ist. Hier ist eine geschützte Atmosphäre, und es wird hier auch unterschieden zwischen "draußen" und "drinnen". Und auch wie man sieht, wie andere mit ähnlichen Dingen kämpfen, dann fühlt man sich nicht so allein. Und dass es denen, die schon ein paar Wochen länger hier sind, schon besser gehen kann. Und dass man sein kann und darf. Dass es völlig ok ist, wenn es einem mal nicht so gut geht. Man wird hier nicht verurteilt.

Also, wenn ihr in so einer Situation seid und die Möglichkeit zu einer Reha bekommt, macht es. Habt keine Angst davor.

Ich bin froh, dass ich hier sein darf.

Eure Marie-Valerie 

1 Kommentar 13.2.15 19:25, kommentieren

Tag 4

ICH BIN GERADE TOTAL GEFRUSTET!!!

Deshalb schreibe ich euch heute so früh, aber ich muss das jetzt unbedingt loswerden, und das Schreiben ist halt meine Art, das (sinnvoll) zu tun.

Von wegen Freude auf die Bastelstunde ... zuerst gab es eine eeeeeeeeeeeewig lange Führung durch "alle Möglichkeiten", die ganzen Hintergrundgeräusche haben mich wahnsinnig gemacht. Ich hatte wahnsinnige Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und es war unfassbar anstrengend. Ich hatte schon so viele tolle Ideen, und konnte nicht anfangen. Das hat mich fertig gemacht. Eine unglaubliche Unruhe ist in mir aufgekommen. Dabei hatte ich mich so sehr gefreut. Und nach einer kleinen Pause, durften wir uns dann auch nichts aussuchen, sondern mussten mit der Einstiegsarbeit - einer Collage - beginnen. Die Idee finde ich ja gut. Es geht darum zu spiegeln, wie ist es jetzt und wo will ich hin. Primär in den 6 Wochen Reha-Aufenthalt, aber man kann auch eine dritte Spalte mit Lebensziel machen. Jetzt hatte ich ohnehin schon Konzentrationsschwierigkeiten, und dann bekamen wir alte Zeitschriften, aus denen wir Bilder ausschneiden dürfen, für die  Collage. Und Leute, ich hasse mich selbst dafür, denn SO wollte ich NIE NIE NIE  sein oder werden, aber dass die Seiten schon zerschnitten und nur noch halb vollständig waren, hat mir den Rest gegeben. Am liebsten wäre ich dort explodiert.

Und hier beginnt mein nächstes Problem: gestern wurde uns gesagt, ein gutes Verhalten für Krisensituationen ist, die Gefühle anzuerkennen, raus zu lassen, ... aber ich habe mein Leben lang gelernt "nimm dich selbst nicht so wichtig" und "pass dich an" ... "es kann ja keiner was dafür, dass du dich jetzt so fühlst"

Auch jetzt ist Lärm im Nebenraum. Gespräche, Diskussionen, Lachen, ... und ich könnte aus der Haut fahren.

So kenn ich mich nicht, und so mag ich mich vor allem nicht. Ich weiß gerade nicht, was ich tun soll. Mir jemanden zum Reden suchen? Mich in mein Zimmer verkriechen? Rausgehen? Ablenken? ... Ich weiß es einfach nicht.

Dass ich mich heute generell, wegen meiner Verkühlung eh schon nicht so wohl fühle, macht das ganze nicht besser, und irgendwie laufe ich heute überall dagegen. Ich bin echt froh, dass heute Visite ist. Mal sehen, ob die Ärztin was für mich hat.

Ich mag mich heute selber nicht.  

2 Kommentare 12.2.15 10:55, kommentieren